Artikel

Corona Krise - Ein Übergang zu mehr Immunität und Resilienz?

Mein letzter Frühlings Newsletter am 19. März stand ganz am Anfang dieses vielleicht großen Übergangs – ein Virus breitet sich aus weltweit, diverse Schutz-Reaktionen der Verantwortlichen in der Politik, gravierende Auswirkungen auf unser aller Leben, in vielen (besonders auch den ärmeren) Ländern Infektionsraten, die teilweise die Gesundheitssysteme überfordern....

Eine Krise als 'Einbruch des Unerwarteten’: (1)

Etwas Unerwartetes kann ein System überfordern, das ausgerichtet ist auf den Umgang mit dem Erwarteten (wir Menschen haben Gewohnheiten, die Gesellschaft ihre Strukturen, die Medizin ihre Medizinen und Routinen, die Weltwirtschaft ihre regelnden Mechanismen etc.) – ausser: das System hat zusätzlich zu seinen den Zustand erhaltenden, für alltägliche Ablaufe wichtigen Regelmechanismen auch noch eine hohe Resilienz oder Immunität!

Resilienz ist ein Begriff, der besonders in der Psychologie zunehmend Bedeutung gefunden hat – er bedeutet dort psychische Widerstandskraft oder die Fähigkeit, schwierige Lebenssituationen ohne anhaltende Beeinträchtigung zu überstehen. Es ist die Fähigkeit, mit dem Einbruch des Unerwarteten zu tanzen, hellwach zu sein, nicht zu erstarren im Alten, sondern inmitten der vielen Gefühle mein flexibles Zentrum, die innere Zeugin zu bewahren. Wobei die Gefühle selbst ein Zeichen der Lebendigkeit sind, sie können von einer Angst vor Verlust oder vor Überflutung, Wut über das Unkontrollierbare, Überforderung bis hin zur Trauer über die Vergänglichkeit gehen. Die Gefühle gilt es zuzulassen, bewusst wahr zu nehmen und im Tanz von Altem und Neuem zu erlauben, bis sich irgendwann neue Strukturen bilden. Interessanterweise haben jene Menschen eine hohe Resilienz, die in ihrer frühen Entwicklung unterstützt wurden durch Verbundenheit, durch sog. co-regulierende Beziehungen, ein gutes Miteinander schwingen. Sie wenden sich auch in krisenhaften Situationen eher den anderen Menschen zu, regulieren sich und die Krise im Vertrauen auf Verbundenheit und Gemeinsamkeit, während Menschen mit niedrigerer Resilienz mehr in die Schutzsuche gehen, sie sind zu Überlebenskünstler*innen geworden(2)

Der Begriff der Resilienz macht aber auch in zahlreichen anderen Lebensbereichen Sinn (3) und findet auch heute inmitten von Corona hier und dort an die Oberfläche des gesellschaftlichen Diskurses: Was wäre eine resiliente Wirtschaft (4), eine resiliente Gesellschaft, eine resiliente Demokratie, ein resilientes Gesundheitssystem, eine resiliente Welt? Einer meiner derzeitigen Favoriten in diesem großen vernetzten und zukunftsfähigen Denken ist Charles Eisenstein – sein Text zu ‚Corona als Krönung‘ ist das Beste was ich diesbezüglich im Moment kenne. Er betont auch die Verbundenheit (im Unterschied zu der in unserer Gesellschaft und Zivilisation vorherrschenden Getrenntheit) als neue Entwicklungschance - Verbundenheit mit dem ganzen Planeten, mit allen Menschen und allen Wesen; es gilt nicht nur zu überleben, sondern miteinander weiter gut zu leben, und die Mittel dafür hätten wir allemal.(5)
Im Medizinischen wäre ein Mensch mit hoher Resilienz einer mit hoher Immunität, auch hier kommen ganzheitliche Einsichten an die Oberfläche unseres Diskurses (6): Ein starkes Immunsystem verringert die Turbulenz, die z.B. ein Virus beim ‚Wirt' Mensch verursachen kann. Die isolierte Betrachtung eines Virus und eines Impfstoffes mag uns vor diesem einen schützen, aber es macht uns nicht insgesamt resilienter....

Ursprünglich war Immunität auch ein gesamtgesellschaftlicher Begriff – die alte Resilienz sozusagen: Unsere Urahn*innen hatten ihre eigene eben ganzheitliche und verbundene Konzeption vom menschlichen Immunsystem. (7) Im Medizinrad der 4 Schilde z.B. ist der Körper nur eines der Schilde neben Psyche, Geist und Seele – alle 4 sind anfällig für Krankheit, oder eben: sie sind gemeinsam in guter Verbundenheit immun gegenüber herein brechenden Krisen. Dasselbe gilt für die 4 Aspekte von Beziehung in den 4 Schilden: Alleinsein, zu Zweit sein (Intimität), in einer Gemeinschaft sein und Aufgehoben in einem Größeren sein – gibt es in den einzelnen Bereichen und im Zusammenspiel hohe Immunität, so können wir diesen Tanz mit dem Einbruch des Unerwarteten ‚resilient tanzen‘ …

Der Tanz der Resilienz (8)

Was bedeutet nun Resilienz mitten in der Krise?

Mittendrin in einem krisenhaften Übergang gibt es eine Phase der besonderen Herausforderung, die ’Schwellenzeit’ (9): Vieles ist nicht mehr wie vorher, Verwirrung, Nichtwissen, Pausetaste, scheinbarer Stillstand, Kontrollverlust … Das Neue ist noch nicht da. Hier sind wir gefordert, diese mit Umbrüchen natürlicherweise verbundenen Unsicherheiten und Ängste zuerst mal aushalten zu können; den vielleicht unerträglich verwirrenden, vielleicht schmerzhaft leeren, vielleicht beunruhigend vollgestopften Raum und Rahmen halten zu können; ja eben mit allen Gefühlen, nicht erstarrend ob der Größe und Unberechenbarkeit der Ereignisse; sondern lebendig bleibend oder immer wieder zur Lebendigkeit findend …

Insofern hat uns der ’shutdown’, die Vollbremsung des Gewohnten quasi in diese Phase der Prüfung der Heldin und des Helden rein katapultiert - denn eine Held*innenreise ist schon lange draus geworden. Nicht nur für die unbestreitbaren Held*innen in den systemerhaltenden Bereichen (Gesundheitssystem, Lebensmittelhandel, aber auch z.B. in der Politik und unterstützenden Verwaltung). Jede/r von uns ist/war während Corona auf so einer Held*innenreise - welchen Dämon*innen bist du begegnet? was haben sie in dir bewirkt? was hat dich durch gebracht, wie hast du dir deine Lebendigkeit bewahrt oder besser: immer wieder neu gefunden?

Aber nicht nur individuell waren/sind wir alle Held*innen: Auch in unseren Gemeinschaften sind aus der Krise so viel schöne und berührende Projekte entstanden inmitten und zwischen den alten heruntergefahrenen in Vollbremsung befindlichen Gewohnheiten: Fremden helfen, die Hilfe brauchen, miteinander singen in den Straßen oder reden am Gartenzaun, wenn schon körperlich näher kommen nicht geht, kreative Wege finden miteinander zu sein oder auch kreative Wege doch Geld zu verdienen u.v.a.m. 

Dieses Zurückfinden zu einem neuen Wir und Miteinander, einer Verbundenheit inmitten der Isolation und verordneten Getrenntheit ist zugleich ein Spiegel für und auch ein Weg aus den ungleichen Möglichkeiten, resilient zu sein. Nicht jede/r kann die Krise in der beschriebenen Form nutzen, manchmal müssen die Held*innen einfach um's pure Überleben kämpfen, weil das Geld nicht reicht oder agieren wie wild die alten Muster aus, weil die Verbindung nach innen zum Vertrauen in Verbundenheit fehlt. Die über den Zaun oder über den Konflikt hinweg gereichte Hand kann hier eine Ressource sein, die die/der dort drüben nie hatte... Irgend etwas in vielen von uns hat sich in dieser Krise geweigert, nur ums Überleben zu kämpfen, irgend etwas Heiles/Gesundes in unserem Organismus hat sich mutig rausgewagt in die Verbundenheit (mit Schutzmaske und Abstand, so machen wir das:) und Wege gefunden, in der Fülle und Schönheit und Kreativität der Lebendigkeit zu bleiben, während wir uns auch schützen.

Wege aus der Krise – wie wäre es mit einem dauerhaften Anstieg an Resilienz?

Möglicher- oder idealerweise hat der Übergangs-Tanz 'auf der Stelle‘/im shutdown/im Zwischenreich/in der Schwellenzeit dann eben auch wie kleine Pflänzchen diese neuen inneren Freiheiten entstehen lassen und auch neue oder nur vergessene Fragen gebracht: Was ist wirklich wesentlich in meinem/unserem Leben? Wie will ich/wollen wir nachher wirklich leben? Angesichts von vielen Toten, die diese Krise bringt, den Gedanken zulassen: Das hätte mein Ende sein können (eine Möglichkeit, die aufwachen lässt) – wie will ich vor meinem Ende, das früher oder später kommen wird, gelebt haben? Gerade nicht den Tod tabuisierend sondern ihm ins Auge schauend, während wir versuchen, Leben zu retten und zu erhalten… Das ist kein Widerspruch. Der Tod als großer Transformator: Wenn das Leben TATSÄCHLICH vergänglich ist und wir das nicht mehr verdrängen - wie wollen wir dann dieses Leben leben?(10) 

Auch auf die Gesellschaft bezogen: Was an unserem Wirtschafts- und Gesellschaftssystem bedarf dringender Erneuerung? Warum sind die ärmeren Länder und Menschen dem Virus (oder auch den shutdowns) noch mehr ausgeliefert als wir, wo ist unsere Mitverantwortung? Woran kranken die Systeme (schon länger)? 

Wie in jedem bewusst gelebten Übergang ist die Krise eine Chance für Erneuerung:
Bewusst … in Bezug auf meinen Seelenweg,
bewusst … über das was wir als Gemeinschaft (im Kleinen und im Großen) für uns wollen.

 

Und auch bewusst und achtsam in der Auseinandersetzung mit Menschen und Institutionen, die anders denken als ich/wir.... Gerade das letzte vermisse ich derzeit oft schmerzhaft: Ich sehe weniger oft Angst vor dem Virus als Angst vor einer mutigen Auseinandersetzung mit jenen, die anders denken als ich/wir, andere Erklärungen haben, andere Lösungsideen. Wechselseitige Attacken oder auch 'Nitamol ignorieren'... Wir verhalten uns dabei aggressiv wie das Virus. Das wird nicht die Lösung sein: Gemeinschaft birgt Wissensreichtum – wenn wir andere, auch andere wissenschaftliche Meinungen gelten lassen und uns dafür interessieren, uns ihnen zuwenden anstatt uns in einer automatischen Schutzhaltung abzugrenzen; wenn wir Kritik üben auf eine Art, die es dem Gegenüber leichter macht, sie zu hören und vielleicht anzunehmen.... Diese Verbundenheit würde uns mit Sicherheit weiterbringen.

Let's practice to truely and courageously connect and communicate with each other - im ganz Kleinen wie im ganz Großen, so bauen wir auf der Kommunikationsebene schon mal Resilienz in einer Zeit, wo auf anderen Ebenen noch Gefahr und Krise und Getrenntheit und Zuflucht zu Isolation vorherrscht. Ja das braucht Mut - wie immer, wenn's besonders schwierig, aber eben auch besonders notwendig  ist.

 

Danke fürs mir bis hierher folgen. Die Heldin in mir hat sich rausgelehnt und ihre Gedanken geäußert:)

 

In diesem Sinne des Bauens von Verbundenheit nach innen und nach aussen sehe ich auch meine Angebote an Kursen, Seminaren und Ausbildungen: Als Wege für eine Entfaltung unseres Selbst/unserer Seele und als Wege, uns in Verbundenheit und Liebe miteinander zu üben – beides ist aufs Engste mit Resilienz verbunden … Wir üben für den Alltag, wir üben aber gerade auch für die (sicher wieder herein brechenden) Krisen und herausfordernden Zeiten!


1) Geseko von Lüpcke: Der Einbruch des Unerwarteten – Warum wir durch Krisen wachsen, CD könnt ihr hier bestellen.

2) Deb Dana: Die Polyvagal-Theorie in der Therapie, Den Rhythmus der Regulation nutzen (G.P.Probst, 2019), S.20ff

3) Resilienz (von lateinisch resilire „zurückspringen, abprallen“) steht für:

  • Resilienz (Ingenieurwissenschaften), Fähigkeit von technischen Systemen, bei einem Teilausfall nicht vollständig zu versagen
  • Resilienz (Energiewirtschaft), Ausfallsicherheit in der Energieversorgung
  • Resilienz (Ökosystem), Fähigkeit eines Ökosystems, nach einer Störung zum Ausgangszustand zurückzukehren
  • Resilienz (Psychologie), psychische Widerstandsfähigkeit
  • Resilienz (Soziologie), Fähigkeit von Gesellschaften, externe Störungen zu verkraften
  • Resilienz (Zahnmedizin), Nachgiebigkeit der Mundschleimhaut bei Belastung
  • Resilienz-Management, systemische Widerstandsfähigkeit von Unternehmen gegenüber Störungen

4) Angela Köppl/Margit Schratzenstaller/Stefan Schleicher/Karl Steininger, Gemeinsam gegen Corona und für das Klima, DerStandard, 17.4.2020

5) Charles Eisenstein, Die Krönung, April 2020, sowie ders., Klima, Eine neue Perspektive, (Europeverlag, 2018)

6) Uta Santos-König, Virus, Wirt und Wissenschaft, April 2020 

7) Steven Foster/Meredith Little, Die Vier Schilde, Initiationen durch die Jahreszeiten der menschlichen Natur (Arun, 2000), S 38ff

8) Tatsächlich tanzen wir z.B. in Open Floor Momente Practice bewusst raus und rein aus der Resilienz, lernen über Bewegungen die Ressourcen der Resilienz in uns zu stärken

9) Franz P. Redl, Übergangsrituale, Drachenverlag, 2009, S 38ff

10) Meredith Little/Scott Eberle, Leben und Sterben - Sterben lernen um zu leben, in: Franz P. Redl, Übergangsrituale, Drachenverlag, 2009, S 165ff