Selbsterfahrung in Zeiten globaler Krisen?

Ist das vertretbar, verzichtbar, sinnvoll?

Baum und Mann

Ich komme gerade von einem Selbsterfahrungs-Wochenende. Das Thema war lange geplant: Kraft des Frühlings – Öffnen für Ressourcen. Ich habe das Seminar gehalten. Das erste längere seit einigen Monaten (wegen Corona), das erste an diesem Ort (der wegen Corona monatelang geschlossen war)…. die Freude war bei uns allen groß…. und doch nicht ungetrübt. Gerade erst hatte die nächste Katastrophe begonnen – der Krieg in der Ukraine….

Bewusstes Tanzen oder Selbstheilung in der Natur suchen angesichts von Kriegsgräueltaten und Flüchtlingsströmen? Nicht unbeschwert…. und das ist gut so! Wie soll ich unbeschwert sein, wenn es neben mir unglaubliches Leid gibt? Die Schwere oder auch den Schmerz, die dieses  Leid in mir auslöst, sind ja Boden für mein Mitgefühl. Es ist meine Mit-Leidensfähigkeit, die berührt wird und gefragt ist.

Immer wieder macht etwas in mir zu, möchte nicht daran denken…. es scheint zu groß, überwältigend… Wie kann ich mein Herz , mein Mit-Fühlen offen halten angesichts von Gräueln?

Ich bin überzeugt davon, dass ich das nur soweit kann, als ich mit mir selbst mit zu fühlen gelernt habe – früh in meinem Leben, oder später nachgelernt. Gelernt habe, meinen Schmerz zu fühlen und hier bleiben zu können…. und nicht davor weg zu laufen oder reflexhaft zu versuchen ihn irgendwie anders auszuschalten oder aber mich im Schmerz selber zu verlieren vor lauter mit-leiden….

Jedes Mal wieder an die eigene Verletzlichkeit erinnert zu werden, wenn ich andere verletzt sehe, an die eigene Sterblichkeit, wenn andere sterben. Und weiter atmen, offen bleiben, präsent bleiben.

Die Wut spüren, die angesichts dieses Leides aufkommt, die schützen möchte, eingreifen möchte. Und tun, was ich tun kann. Mich informieren und helfen, wie und wo ich hilfreich sein kann.

Die Hilflosigkeit ertragen, die sich trotzdem einstellt und die ich in mir und anderen spüre und vermute.

…ein weites Feld des Fühlens…

Ja wir sind raus gegangen in die Wälder und zum Fluss, zu den Rehen und zu den Ameisen, wir haben getanzt und geforscht und gefühlt und erkannt und nach genährt! Und sind hoffentlich ein Stück ganzer, liebesfähiger, fähiger zu spüren und zu fühlen… und dadurch auch handlungsfähiger geworden – letztlich immer auch für unsere Gemeinschaften, die kleinen wie die großen….

Es ist nicht leicht darüber zu schreiben. Und auch gut, es zu tun.

Danke an das Leben, das eigentlich nährend und schön und ja,friedlich! sein möchte. Human potential movement hieß die Bewegung, die in meiner Jugend in den 60er und 70er Jahren des vorherigen Jahrhunderts begann, wir glaubten an das Gute im Menschen.

Möge dieses menschliche Potential das Leben aller Wesen fördern statt zerstören lernen, wieder und wieder und wieder und doch wieder!


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